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Stürmisches Finale
Das unwiderrufliche letzte Spiegelbild – und ich überlege, ob ich die Reise wagen kann. Ein Orkan, der zu Recht den Namen Wotan tragen würde, wenn er denn einen hätte, treibt die Wolkenbrüche waagrecht, Äste wirbeln durch die Luft. Die offizielle Unwetterwarnung rät, besser zu Hause zu bleiben. Alles andere als be-
sinnliche Adventsstimmung... das letzte Spiegelbild: Ich will hin und bis zum Ende miterleben, was sich da an europäischem Leben widerspiegelt.
Statt des kleinen Schwarzen, das dem Anlass sicher angemessener wäre, wähle ich wind- und wasserdichtes Outfit, das eigentlich für einen Islandurlaub gedacht war. Die leider eher zurückhaltende Besucherresonanz in der St. Laurentius Kirche lässt ahnen: Nicht nur ich bin beeindruckt vom Sturm, der allerdings ebenfalls ein grenzüberschreitendes Phänomen ist und insofern zum Thema passt. Mit nahezu stürmischem Tempo und Rasanz ging auch die Spiegelbilder-Reihe über die verschiedenen Bühnen.
Ich erinnere mich deutlich an den warmen Frühlingsabend am selben Ort, an dem alles mit der „Schöpfung“ begann, als wäre dieses Erlebnis erst ein paar Tage her. Eine Mischung aus Abschiedswehmut, Freude über den Erfolg und bereits ersten Ideen für ein Weiterleben der Idee klingt durch die Statements der Menschen, die zum Abschluss miteinander diskutieren. Leo Lauer, Bürgermeister der Verbands-
gemeinde und nach eigenem Bekunden bisweilen streitbarer Argumentations-
partner der Initiatorin Anette Barth, ist spürbar stolz: „Es wäre ein Armutszeugnis gewesen, wenn wir das nicht gewagt hätten!“
Mehr als 10 000 Besucher waren da, Vereine und Menschen seien eingebunden gewesen, es habe eine Aufbruchstimmung erzeugt werden können – was will ein Bürgermeister mehr? Sein Dank an eine erleichterte Anette Barth kommt von Herzen. Und die reicht ihn weiter an all die vielen Helfer, an die Besucher und an die Sponsoren, ohne die das Projekt niemals hätte Wirklichkeit werden können.
Viel Sensibilität und Akzeptanz für die Befindlichkeiten für und von den jeweiligen Nachbarländern habe sie erfahren – „da sind Gemeinsamkeiten gewachsen und Trennendes überwunden“. In der Planungsphase 2006 sei auch ein bisschen Panik dabei gewesen, ob alles wie gewünscht funktionieren würde, verrät sie. Jetzt sei sie froh, auch wieder mehr Zeit für sich und ihre Familie zu haben. Allerdings kann sie ihre kreative Ader so ganz nicht verbergen, der Rückzug in mehr Privat-
leben wird wohl nur von kurzer Dauer sein, zum Glück für Saarburg:
Nachhaltigkeit wünscht sie sich, um die Spiegelbilder vielleicht fortzuführen. Damit gibt sie den wohltuenden Tenor vor, in dem nun die Diskussionsrunde verläuft. Dabei ist Diskussion ein falsches Wort, denn Gegenargumente, die dem kultu-
rellen Leben über Grenzen hinweg widersprechen würden, hat natürlich niemand der Anwesenden. Ganz gleich, ob Vertreter der Politik, Wissenschaft, Wirtschaft oder Kultur... ganz gleich, ob aus dem Saarland, Luxemburg, der Region Trier oder mit Fernperspektive als Autor aus München. Einig sind sich alle in der Erfahrung, dass lebendige und praktizierte Kultur mehr bewegen kann als politische Vorgaben oder theoretische Definitionen. Nur so kann die Großregion in den Herzen ankom-
men und zu einer vielfältigen Landschaft werden, mit der sich die Bewohner identi-
fizieren.
Der blaue Hirsch, das Symbol des Kulturhauptstadtjahres, wird vermutlich weiter-
leben – so die frohe Botschaft, die nicht nur der Luxemburger Guy Dockendorf als einer der maßgeblichen Motoren des Jahres verkündet. Geld, auch darin herrscht Einigkeit, ist dafür zwar wichtig, aber nicht der allein seligmachende Faktor. Es wird kommen, da gute Arbeit überzeugt. Ich habe schon mehrfach Initialzündungen von Kulturevents erlebt, die zunächst tastend und begrenzt auf ein Projekt begannen – und sich über Jahre hinweg immer mehr Resonanz erschufen, immer wichtiger wurden für die Menschen.
Das feierliche Abschlusskonzert von EuroBrass, das schließlich die Kirche zum Klingen bringt, endet mit dem „Feierlichen Einzug“ von Richard Strauss – ein Bild, das zukunftsgewandt ist und sich auf etwas Neues freuen kann. Als ich schließlich wieder den tosenden Wasserfall in Saarburgs Stadtmitte auf dem Weg zum Park-
platz überquere, bin ich sicher: Die Spiegelbilder sind solch eine Initialzündung, die auf weitere „feierliche Einzüge“ vorbereitet.
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